Mikulov

Lehrpfad durch das jüdische Viertel

Auf dem ungefähr einen Kilometer langen Lehrpfad durch das jüdische Viertel befinden sich insgesamt 14 Stationen. 13 Häuser des ehemaligen jüdischen Ghettos sind gekennzeichnet und detailliert beschrieben. Der Lehrpfad führt durch das Stadtzentrum und ist an Wanderwege angeschlossen.

Bedeutende Häuser

  1. Obere Synagoge, auch Altschul genannt, ursprünglich aus dem Jahr 1550, 1689 erweitert, 1719 - 1723 (vielleicht unter Mitwirkung des Schlossarchitekten J.Ch.Oedtl) nach einem Brand Neubau, bei dem ein Kuppelgeviert zu einem viersäuligen Pfeiler inmitten einer Halle gewölbt ist, der den Almemor (Kanzel) bildet. Heute ist sie der letzte erhaltene Tempel des polnischen oder Lemberger Typs in der Tschechischen Republik. Der Toraschrein war ein Werk des Bildhauers I.Lengelacher. Gewölbeausschmückung mit Stuck und urprünglich mit liturgischen hebräischen Texten. Die Synagoge wurde 1977-89 für Kulturzwecke völlig renoviert. Kulturdenkmal.
  2. Haus Husova 30. Typisches Haus des Judenviertels mit Renaissance-Kern und Gewölben, klassizistisch inkl.Fassade umgebaut. Kulturdenkmal. Grundriss und Disposition der meisten Häuser hat noch Renaissance-Charakter mit Kreuzgratgewölben auf massiven Steinmauern (z.B. Husova 1, 19 und 42). Die Häuser des Judenviertels wurden zur Unterscheidung von den christlichen mit römischen Ziffern von I bis CLXIX nummeriert. Eine häufige Erscheinung im Ghetto war das so genannte Kondominium, d. h. die Realteilung eines Hauses unter verschiedene Teilbesitzer , und dies sowohl horizontal wie vertikal, wobei die einzelnen Teile mit a, b, c usw. bezeichnet wurden.
  3. Haus Husova 32. Typisches Haus des Judenviertels mit einst öffentlichem Durchgang im Inneren, Renaissance-Kern, Hofflügel mit klassizistischer Außentreppe. Kulturdenkmal. In den beengten Raumverhältnissen des Ghettos dienten die normalerweise engen, gewölbten Innendurchgänge zur direkten Verbindung der Haupt- oder Judengasse mit dem Alleeplatz. Die Durchgänge wurden leider, wie jetzt üblich, von den neuen Besitzern geschlossen und wurden Bestandteil des Hauses. Das Erdgeschoss der meisten Judenhäuser wurde als Läden und Werkstätten verwendet, Obergeschosse und Hofflügel dienten zu Wohnzwecken.
  4. Haus Husova 48. Ehemalige jüdische Knabenschule (1845 bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, als dafür das Haus Hauptgasse 28/1082 umgebaut wurde, wo sie bis zur Auflösung 1919 bestand). Haus mit Renaissance-Kern und Gewölben, klassizistisch umgebaut (aus dieser Zeit preußische Gewölbe), im Obergeschoss Holzbalkendecken, im Jahre 1995 für die Apotheke umgebaut. Kulturdenkmal. Die jüdische Grundschule (Cheder) mussten auf Grundlage der aufklärerischen Reformen Kaiser Josefs II. seit Ende des 18. Jahrhunderts alle Knaben ab fünf Jahren besuchen. Gelehrt wurden hauptsächlich Hebräisch, die Thora und die Grundlagen des Judentums.
  5. Haus Husova 50. Haus mit Renaissance-Kern und Gewölben (gestreckte Kreuzgratgewölbe) und einsäuligen Ecklauben an der Fassade, einem typischen Merkmal ansehnlicherer Häuser in mährischen Judenvierteln, wobei über einer toskanischen Säule ein Feld des Kreuzgewölbes gewölbt ist. Fassade mit klassizistischen Umbauten. Kulturdenkmal. Die Gassen des ehemaligen Judenviertels waren gewöhnlich mit unregelmäßigen Wackersteinen gepflastert. Schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte das Nikolsburger Ghetto eine eigene Wasserleitung und eine einfache Kanalisation.
  6. Haus Husova 52. Ehemaliges jüdisches Spital, wahrscheinlich seit Mitte des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts. Haus mit Naturstein-Ziegel -Kern und Gewölben (Kreuz- und Stichkappengewölbe mit Lünetten), später umgebaut, Empire-Fassade. Entstanden durch die Verbindung zweier Renaissance-Häuser nach dem Brand von 1784, Hofflügel 1824 errichtet. Kulturdenkmal. Im Hof die ehemaligen Michelstädter-Synagoge, die sich David Michelstädter für Privatgottesdienste schuf. Sie diente später den Bewohnern des Altersheims, Interieur für profane Zwecke umgebaut. In den einstigen Gebetsraum im Obergeschoss führt eine schmale Treppe aus dem Höfchen.
  7. Häuser A. Muchy 18-20. Gebäude mit Renaissance-Kernen und Gewölben (Tonnengewölbe mit Kreuzlünetten), Haus Nr.20 mit Jugendstil-Fassade. Kulturdenkmal. Im Hof beider Häuser Reste der Aschkenesschul, die sich für Privatzwecke schon 1675 Lasar oder Beer Salomon im Barockstil errichten ließ und die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts benutzt wurde. Der Zugang war vom Gang des Hauses Nr.18 und vom Höfchen über eine Steintreppe ins Obergeschoss. Der Raum von etwa 9x5 m war flach gedeckt. Die Reste der Außenmauern aus Natursteinen und Ziegeln mit der Thora-Nische zwischen zwei Fenstern an der Ostseite und das steinerne Waschbecken des einstigen Vorraums an der Westseite sind bis heute erhalten. Schräg gegenüber stand das Haus mit der alten Nummer 104 mit dem hebräischen Hinweis auf das Ende bzw. die Abgrenzung des Ghettos an der Fassade - Eruw-Haus.
  8. Haus Husova 9. Äußerst wertvolles und malerisches Haus mit Renaissance-Anlage und Gewölben (Tonnengewölbe mit Kreuzlünetten und -graten), barocker Hofflügel. Seine Fassade bildet eine zweisäulige Arkade, neuzeitlich mit dem ebenfalls Renaissance-Haus Nr.11 verbunden, 1993-4 vollständig erneuert. Kulturdenkmal. Zu den bemerkenswerten Baudetails der Häuser des Nikolsburger Ghettos gehören profilierte Steingewände der Portale, eisenbeschlagene Türen und edel geformte Eisengitter. Leider gibt es keine Hinweise mehr auf so typische Elemente wie Mesusen oder hebräische Inschriften.
  9. Hotel Rohatý krokodýl, Husova 8. Der oberirdische Teil des einstigen Rabbinats mit Ecklauben wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhundert abgebrochen und hier ein stilvolles Hotel mit Restaurant errichtet. Im zweiten Untergeschoss , 10,5 m unter dem Straßenniveau, hat sich ein außerordentlich wertvolles Denkmal erhalten: eine tonnenfärmige Wasserzisterne, wahrscheinlich Teil eines Ritualbades (Mikwe). Das Bad diente den gläubigen Juden - Männern wie Frauen - zur allwöchentlichen Reinigung vor dem Sabbat. Die Büste Alfons Muchas an der Fassade erinnert an den Aufenthalt des Malers 1935.
  10. Haus Husova 4. Ehemalige jüdische Knabenschule. Haus mit barocker Disposition und Gewölben (Tonnengewölbe mit Lünetten, preußische Gewölbe, Kappen), nach dem Zweiten Weltkrieg für Wohnzwecke umgebaut. Kulturdenkmal. Ursprünglicher Sitz der Grundschule (Cheder) von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1844, damals sechsklassig. 1844 - 1852 war hier das jüdische Taubstummeninstitut untergebracht, das Josua Hirsch Kollisch und der Lehrer Joel Deutsch leiteten (1852 nach Wien verlegt). Nachbarhaus Husova 6 mit schöner Barockfassade.
  11. Haus Brněnská 9. Hervorragendes Beispiel bürgerlicher Renaissance-Architektur um 1590 mit ursprünglicher Disposition, Kreuzgratgewölben und Innenhof mit Arkadenumgang im Obergeschoss. Von der jüdischen Gemeinde 1798 bei der Erweiterung des Ghettos mit obrigkeitlicher Erlaubnis gekauft, der Ertrag aus der Vermietung diente der Stiftung David Oppenheims zum Betrieb einer religiösen Ausbildungsstätte (Beth ha-Midrasch). Kulturdenkmal. Die vorgeschriebene Abtrennung des Ghettos von der übrigen Stadt geschah mit Toren (wahrscheinlich an drei Stellen), Holzschranken, gespannten Ketten und Mauern.
  12. Zeremonienhalle. Kultivierter Bau im Stil des Historismus, 1898 nach Plänen des bedeutenden Architekten Max Fleischer (1841 Proßnitz - 1905 Wien) errichtet. Das Gebäude diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Lager, nun wird es nach und nach als Künstleratelier renoviert. Kulturdenkmal. Zur unentbehrlichen Ausstattung eines Friedhofes gehört stets eine Totenkammer, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bauten sich größere jüdische Gemeinden aufwendige Zeremonienhallen, wo im Hauptsaal der Abschied von den Verstorbenen stattfand. Die anschließenden Räume dienten zur letzten Reinigung (Tahara), als Lager, Garderobe, Remise des Leichenwagens, eventuell als Wohnung des Friedhofsverwalters oder Totengräbers.
  13. Jüdischer Friedhof. Am Westhang des Geißberges gelegen, Anfänge im 15. Jahrhundert, mehrmals erweitert bis zu seiner heutigen Ausdehnung von 19.180 m2. Von etwa 4000 Grabsteinen stammt der älteste lesbare aus dem Jahr 1605. Außerordentlich wertvoller Begräbnisplatz mit Steinen des Renaissance- sowie des barocken und klassizistischen Typs. Ihre künstlerische Ausgestaltung und Ornamentik wurde Vorbild für die übrigen mährischen Judenfriedhöfe. Auf dem Rabbinerhügel liegen die Gräber berühmter mährischer Landesrabbiner wie M.M.Krochmal (gest. 1637), Sch.Sch.Horrowitz (gest. 1778) und M.Benet (gest. 1828), Ziel von Pilgern aus aller Welt. Das Areal ergänzen Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs und für 21 im Jahre 1945 ermordete ungarische Juden. Kulturdenkmal.
  14. Mikwe. Dort, wo es früher einmal den Badplatz gab, wurde neuerdings eine mittelalterliche Mikwe entdeckt, ein Bad der orthodoxen Juden zu einer symbolischen rituellen Reinigung, die von ihnen vor dem Sabbat oder vor einem Feiertag, bei Frauen außerdem nach der Menstruation, vor der Hochzeit und nach einer Geburt vollzogen wurde.
    Die Mikwe ist schon in der Tora, im Alten Testament beschrieben. Für ihre Errichtung galten gewisse Gesetzmäßigkeiten, sodass sie, wie alt auch immer, ungefähr gleich aussieht, sei sie eine Ausgrabung aus biblischer Zeit, ein seltenes, in Europa erhalten gebliebenes, mittelalterliches Bad oder eine moderne Einrichtung.
    Mikwe ist grundsätzlich ein gemauertes, würfelförmiges Becken im Keller- oder Erdgeschoss eines Hauses im Synagogenviertel. Den Beckengrund erreicht man in der Regel über eine kleine Treppe mit 5-7 Stufen. Im Becken muss reines Naturwasser sein, es muss einen Zufluss und einen Abfluss geben, und das Becken muss so tief sein, dass ein Erwachsener darin voll untertauchen kann. Das rituelle Bad ist eine feste Einrichtung, von der es in jeder jüdischen Gemeinde Mährens zumindest eine, in größeren Ghettos sogar mehrere geben musste. In Mikulov wurde die Mikwe zufällig entdeckt, als die vor einem Neubau im Denkmalschutzgebiet vorgeschriebene, archäologische Erkundung erfolgte.
    Das Bad wurde im Keller eines Wohnhauses gefunden. Es war komplett erhalten, lediglich unter einer eingestürzten Decke verschüttet. Sein Alter wird auf 300 Jahre geschätzt. Es dürfte somit irgendwann im 17. Jahrhundert entstanden sein.
    Dank den Aktivitäten der Freunde jüdischer Kultur in Mikulov wurde die Mikwe konserviert. Die eigentliche Renovierung wurde von der Stadt Mikulov übernommen. Sie machte die Mikwe der Öffentlichkeit zugänglich, indem sie den Vorkeller sowie die Mikwe selbst instand setzen und in die genannten Kellerräume einen neuen Eingang errichten ließ.